In 25 Jahren werde ich 70

Ich habe noch nicht im Briefkasten nachgesehen. Mein inneres Kind ist einfach noch nicht bereit, dort das ZDF-Zuschauermagazin nebst Begrüßungsschreiben “Willkommen in unserer Zielgruppe” vorzufinden. Facebook ging noch, die waren dezenter. Bunter Glückwunschblumenstrauß und keinerlei Kontextwerbung für Treppenlifte oder “Weniger müssen müssen.”

Obwohl… Facebook… das benutzen doch nur noch die Alten, oder? Schnell zum Test eingeloggt… puuuuh! … Twitter und Snap haben mich noch nicht aus Altersgründen zwangsabgemeldet. Gratulieren aber auch nicht so nett wie Facebook. Oder vermutlich bald das ZDF. Beäugen mich schon argwöhnisch.

Denn heute in 25 Jahren werde ich 70. Genau das richtige Alter, um mit so spannenden Sachen wie Reihenvorsorgeuntersuchungen zu beginnen, der großen Hafenrundfahrt des kleinen Mannes, wie mein Arzt mir neulich mit bedeutungsschwangerem Blick auf die Vorsorgebroschüre bedeutete. Ich werde den Arzt wechseln müssen.

Bevor ich ihn gestern besuchte, war mir irgendwie noch mehr nach Party. “Rhythm is a Dancer” … das war doch erst vor … oh doch schon so lange. Zeit, meine Spotify-Playlist zu updaten. Immerhin habe ich die. Ich konnte erfolgreich der familiären Veranlagung widerstehen, wie zuvor mein Vater einen Haufen kratzender und leiernder schellackoider Langspielplatten zu horten. Und die “Trending Hits”-Schaltfläche von Spotify ist bei mir immer nur einen Klick away. Auch wenn ich beim Durchstöbern dieser Liste immer häufiger den Kopf schüttle, weiter klicke und allerhöchstens beim Cover eines Hits von oh-doch-schon-so-lange hängen bleibe, um mir gleich danach das natürlich viel bessere Original anzuhören.

Hören. Auch so ein Thema. Also ich finde, es geht prima. Und richtig gute Musik will man ja auch ein bisschen lauter hören, oder? Und mit richtig gut meine ich natürlich aktuell. Mann will sich ja keine Blöße geben: Lady Gaga. Nicht Madonna, die weckt doch den Verdacht, man könnte schon viel länger Fan sein als gedacht. Oder diese Göre… wie heißt die noch… die… keine Ahnung… ich sollte doch mal wieder die “Trending Hits”-Liste von Spotify besuchen. Ist schon eine Weile her.

Dass ich mir meinen Tinnitus bei einem Greatest-Hits-Konzert einer Sängerveteranin zugezogen habe und nicht bei einem mehrtägigen Rockfestival gehört zu den unerzählten Dramen meines Lebens. Seitdem haust der unermüdliche Pfeifton in der Frequenz des ZDF-Testtons von 1984 in meinem Ohr. Und allein, dass ich diesen Vergleich zu 1984 noch ziehen kann, macht mich jetzt vermutlich zu einem der heißesten Anwärter auf die Zielgruppe des Senders.

Überhaupt. Das ZDF. Vermutlich die Senderheimat meiner späten Jahre. RTL wird mich ja unweigerlich in Kürze aus seiner jungen Zuschauerschaft vergraulen. Gut, das kann auch Vorzüge haben: Der Verzicht auf Dschungelmaden und schlechte Serienkonserven kann sich ja auch günstig auf die Geisteskraft auswirken. Und die will ja nun trainiert werden. Andererseits… ist es nicht gerade der verzeihende Nebel einer beginnenden Frühdemenz, der eine Rosamunde-Pilcher-Schmonzette im ZDF spannend und logisch erscheinen lässt?

Ich habe mir gerade einen Neopren-Anzug gekauft. Es ist mein Erster. Das hatte noch am gleichen Tag ganz unglaubliche Auswirkungen auf mein Leben. Also zunächst erst einmal auf die automatischen Produktempfehlungen bei Amazon. Heizdecken und reflektierende Sicherheitsarmbänder sind verschwunden, Taucherausrüstung und Paddleboards hinzugekommen. Amazon hält mich für jung und cool. Take that, ZDF!

So ein Neopren-Anzug ist ja eine prima Sache. Nicht so sehr, weil er warm hält. Kaltes Wasser ist seit den Ostseeurlauben meiner Kindheit bei erfrischenden 14 Grad Wassertemperatur nicht mein Problem. Aber er hält in Form. Eine Art Push-Up-BH für den nur noch vor dem eigenen geistigen Auge 25-jährigen Surferkörper.

Ich hatte mir den Anzug ja erst zwei Größen kleiner bestellt, aus alter Gewohnheit, und ihn dann zu Hause 8 Stunden zur Probe getragen. Also streng genommen war ich 59 Minuten mit dem nicht sonderlich eleganten Hineinschlüpfen beschäftigt, habe danach binnen einer Minute festgestellt, dass der definitiv zu eng ist, um dann 8 Stunden lang wie ein leicht perverser Spaziergänger mit Korsett unter dem Mantel durch die Stadt trippelnd auf der Suche nach einem Helfer zu sein, der mich aus diesem Ungetüm wieder herausschneiden würde. Weil selbst ging das keinesfalls mehr.

Amazon war übrigens sehr verärgert und hat mir den Kaufpreis nicht zurückerstattet. Immerhin kam das Gefühl in Armen und Beinen nach ein paar Stunden wieder. Das habe ich auch als versöhnliches Ende meiner ansonsten vernichtenden Kritik auf Amazon geschrieben. Die kalte Dusche schmerzte trotz nun passender Neopren-Schutzhülle einige Tage später umso heftiger, als Amazon mir per Kontextwerbung einen Sportzusatzversicherung für agile Senioren anbot.

Gegen ausdrücklichen Rat von … ja praktisch jedem habe ich zum Neopren-Shortie beim Discounter um die Ecke ein Aufblaskanu zum Schnäppchenpreis erstanden. Es lag vermutlich daran, dass ich die chinesische Montageanleitung nicht präzise genug übersetzt hatte… aber auch nach geschlagenen zwei Stunden war es mir nicht gelungen, alle Plastikwülste mit Luft zu füllen.

Dafür hatte das andauernde Einatmen der Plastikausdünstung Shenzener Art ganz wunderliche Effekte auf meinen Geist und meine Stimmung: Albernd kichernd wagte ich mich mit dem halb aufgeblasenen Kanu ins eiskalte Seewasser. Ich setzte mich ins das Kanu, sank kräftig nach unten, fühlte den Boden unter mir und soff prompt ab. Ich hatte nichtmal Zeit, eine anständige “König der Welt”-Geste wie weiland Kate und Leonardo im Kino in Titanic zu machen. Das war glaube ich im Jahre … oh doch schon so lange…!

Glücklicherweise vertrieb das gefühlt dem Gefrierpunkt nahe Wasser die Billig-PVC-Albernheit und mein Survivalinstinkt ließ mich festen Boden suchen. Helfen hätte mir schließlich hier niemand können: In einem seltenen Anfall von Schamgefühl hatte ich eine möglichst abgelegene Bucht für meine Kanuexperimente gewählt: Ohne Zuschauer, aber auch ohne Baywatch-Helfer.

Das Kanu landete direkt im Müllcontainer am Ufer. Nur die Paddel habe ich aufgehoben. Sie stützen jetzt die altersschwache Blumenampel auf dem Balkon. Zusammen mit dem Bauchmuskeltrainer vom gleichen Discounter. Und ich meinte eben natürlich Baywatch, den Film, und nicht Baywatch, die Serie, von … lassen wir das!

Mutti ist weg

Siegbert war selbst überrascht, als er sich an diesem verregneten Vormittag ein Lied summen hörte. Über Jahre, ja Jahrzehnte hinweg war er Tag für Tag in der finster hallenden Höhle des familiären Fahrradladens seiner Arbeit nachgegangen. Seine Mutter, gleich einem hochtoupierten Drachen, nahm derweil vom erhöhten Kassentresen im hinteren Teil des Ladens dank der exzellenten Akustik jedes auch nur zu freundliche Wort einer Kundin gegenüber mit missbilligendem Augenbraunenrunzeln und gekünsteltem Husten zur Kenntnis.

Seit 28 Jahren war Siegbert nun im “Zweiradparadies” beschäftigt. Die Hoffnung auf und die Drohung mit dem Verlust des elterlichen Erbes hatten ihn all die Jahre davon abgehalten, andere und eigene Wege einzuschlagen. Anders als sein Vater, der schon zwar beinahe zwei Jahrzehnten entnervt vom Zigarettenholen nicht mehr zurückgekehrt war, hatte er es nie gewagt, gegen Mutti aufzubegehren.

Sein von jeher spärlicher Haarwuchs hatte ihm nie ausreichend Basis gegeben, mit wilden Frisuren gegen das maternalistische Regiment zu rebellieren, schon gar nicht jetzt, wo nur noch ein rotblonder Kranz den hinteren Teil seines Kopfes krönte. Und jeder noch so verschämt verwegenen Form seines Bartwuchses bereitete er nach Muttis tadelndem Blick schon spätestens am Folgetag wieder energisch Einhalt.

Seine seit mehr als 15 Jahren andauernde heimliche On- und Off-Beziehung mit dem spröden Fräulein Gerlinde von schräg gegenüber war schon deshalb immer platonisch geblieben, weil Mutti stets klar gemacht hatte, dass im “Zweiradparadies” nur Platz für eine Frau sein und dass sie nicht die Absicht hatte, diesen Platz auf absehbare Zeit zu räumen.

Siegbert hatte sich über die Jahre allerlei finsteren Gedankenspielen hingegeben – von der sanften Rebellion bis hin zum blutigen Staatsstreich. Doch allenfalls deren Ende hatte jeweils kurz ein grimmiges Lächeln über sein Gesicht fahren lassen. Das hatte sich im Ort herumgesprochen und so ging man eigentlich nur noch dann ins “Zweiradparadies”, wenn das eigene Rad den 14-Kilometer-langen Weg in die nächstgelegene Kleinstadt zur nächsten Fahrradwerkstatt aus eigener Kraft bei bestem Willen nicht mehr zu bewältigen in der Lage sein würde.

Doch heute war irgendetwas anders. Der Kassentresen war unbesetzt. Woche für Woche hatte Siegbert als Zeichen stillen Protests einen schon leicht angewelkten Blumenstrauß für den Tresen gekauft. Heute waren die Blumen frisch, beinahe makellos, wie einem Fleurop-Katalog entnommen. Anstelle der gedimmten Energiesparbeleuchtung des “Zweiradparadieses” waren heute alle Lampen auf voller Kraft geschaltet, so dass die vorbeigehenden Bewohner des Ortes ungläubig in die ungewohnte Helle des sonst stets muffig-finsteren Ladens blinzelten. Und Siegbert summte. Fröhlich. Stand an der Tür und grüßte die Vorbeigehenden. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Mutti war weg.

Natürlich würde es Fragen geben.

Nicht gleich heute, aber sicher in einigen Tagen oder Wochen. Für den Moment überwog die Erleichterung, beim Besuch des Ladens den Kassentresen im Hintergrund leer vorzufinden und einem missbilligenden Augenkontakt und einem unangenehmen Gespräch so entronnen zu sein.

Mit den Tagen kamen die Kunden zurück. Hier ein geplatzter Reifen, dort eine blockierende Bremse, jedesmal ein freundliches Gespräch, stets ein aufmunternder Blick. Und wenn Siegbert meinte, sich erklären zu müssen, wechselte ein jeder so schnell wie weitschweifig das Thema.

Siegbert hatte die immer eintönigen und nur im Farbton leicht changierenden Arbeitsanzüge mittlerweile durch Jeans und bunte Hawaiihemden ersetzt. Und die Luftpumpenkollektion in nicht alltäglichen Farben, die ihm schon seit Jahren im Kopf herum gespukt hatte,  erfreute sich zunehmender Beliebtheit bei den Kunden.

Ermutigt durch die ausbleibenden Nachfragen hatte Siegbert schon vor einigen Tagen das Ölbildnis von Mutti aus dem Verkaufsraum entfernt. Seit Kurzem prangte nun auch nur noch sein Name in großen Lettern über der Eingangstür, ohne dass das jemandem aufgefallen oder zumindest ohne dass das von irgendjemandem kommentiert worden wäre.

Fräulein Gerlinde, die nun immer häufiger im “Zweiradparadies” anzutreffen war, hatte nicht nur wegen ihrer weitaus weniger strengen neuen Frisur eine wundersame Wandlung durchgemacht. Den alten Kassentresen hatten sie mit schwerem Gerät entfernen lassen und stattdessen mit drei Bistrotischen eine kleine Kaffeeecke eingerichtet, die Gerlinde mit Gebäck und Getränken aus ihrer kleinen Bäckereifiliale von schräg gegenüber versorgte.

Die Kaffeeecke wurde vom ersten Tag an von den Menschen im Ort lebhaft in Besitz genommen. Und sie kamen jeden Tag wieder, so als würden sie das schon seit Jahrzehnten Tag für Tag machen. Der Platz, an dem noch Wochen zuvor Mutti über das “Zweiradparadies” gewacht hatte, erfüllte sich so mit einer nie gekannten Lebendigkeit.

Glücklich schloss Siegbert eines Abends den Laden ab, nachdem die letzten Gäste gerade gegangen waren. Gedankenverloren hörte er einen der Gäste im Gehen zu dem anderen sagen: “Also mir fehlt der alte Drachen kein bisschen.” Siegbert erschrak kurz, schaute sich vorsichtig um und drehte sich dann lächelnd zur Seite, um summend nach Haus zu gehen.

Von Amors Pfeilen angeschossen

Der Herr Deutschlehrer und seine die Schülerin des Abiturjahrgangs auf Klassenfahrt. Hatte ich gedacht. Bevor sie mit diesem Mittelding aus Mund-zu-Mund-Beatmung und gegenseitigem Auffressen begonnen hatten. Und nicht etwa im Berghain in Berlin, sondern direkt neben mir, in Florenz, im Boboli-Garten. Auf meiner Bank!

Für einen Moment hatte ich befürchtet, ich müsse Hilfe holen, weil sich ihre Zungenpiercings miteinander verhakt hätten. Dabei wusste ich nicht mal sicher, ob der frühe Lustgreis und seine juvenile Beischlafassistentin direkt neben mir überhaupt welche hatten.

Es war mir dann doch ein wenig unangenehm so direkt daneben zu sitzen. Nicht dass ich spießig oder verklemmt wäre. Aber die kümmerlichen Überbleibsel meines eigenen Anstandsgefühls wollten ihnen mehrfach zurufen: “Nehmt euch ein Zimmer!” Andererseits: Wir waren hier in Florenz, an Ostern, und schon mein Zimmer war bei der kurzfristig 6 Monate im Voraus erfolgten Buchung eines der letzten bezahlbaren gewesen. Die jetzt noch verfügbaren Unterkünfte würden zweifellos die finanziellen Möglichkeiten eines Deutschlehrers übersteigen.

Der knabberte jetzt an ihrem Ohrläppchen. Und so intensiv, wie sie sich gerade rittlings auf seinen Schoß herüber gerobbt hatte, war ihr die spätere Beförderung zu seiner Altenpflegerin so gut wie sicher. Ich saß irgendwie verdattert daneben, hatte ich doch eigentlich nur ein bisschen die Schönheit der Medicigärten genießen wollen und jetzt das ungute Gefühl, mitten in eine Borgiaorgie geraten zu sein.

Gewiss, ich hätte aufstehen und weggehen können. Doch auf keiner der anderen Bänke war kein Platz frei. Und hinzu kam meine urdeutsche Verbissenheit, die mich meinen liegestuhlartig mit einem unsichtbaren Handtuch reservierten Sitzplatz nicht kampflos preisgeben lassen würde.

Wusste ihre Mutter eigentlich…? Egal. Sie würde sich sicher gut mit ihrem Schwiegersohn pro tempore verstehen, der vielen Gemeinsamkeiten wegen. Des Alters zum Beispiel. Und der Vorliebe für den Deutsch-Pop der 80er Jahre. Seine Freundin dagegen hielt Spliff definitiv für einen Badezimmerreiniger aus dem Drogeriemarkt. Für streifenfreie Reinheit.

Reinheit. Oder Unschuld. Dieser Zug war hier auf meiner Parkbank schon eine Weile abgefahren. Ich war von Italien ja so einiges gewöhnt: Wenn man(n) bis Mitte 40 bei Mamma wohnt, muss man zwangsläufig auf jeden Ansatz von Privatsphäre verzichten. Oder diese außer Haus suchen. Auf das Pärchen auf dem Seitenstreifen der Autobahn nach Rom, dass sich dort auf der Motorhaube des nicht nur wegen seiner in die Jahre gekommenen Stoßdämpfer schwankenden Cinquecentos vergnügte, war ich dann aber doch nicht gefasst gewesen und wäre um ein Haar im Straßengraben gelandet.

Auch ein weiteres Mal wäre mir meine Gutmütigkeit fast zum Verhängnis geworden. Nachdem ich mehrfach an der zwischen den beiden Badeorten auf eine Mitfahrgelegenheit hoffende afroitalienische Tramperin vorbeigefahren war, erbarmte ich mich ihrer und hielt an, weil sie ja sonst niemand mitzunehmen schien. Zu meiner ausgesprochenen Überraschung verlangte sie sehr aufdringlich und mit obszönen Gesten Geld für die Mitfahrt und schimpfte mir lautstark und mehrsprachig hinterher, als ich dies ablehnte. Ich möchte ihre Worte hier lieber nicht wiederholen.

Little Miss Sunshine neben mir war mittlerweile wieder von ihrem väterlichen Lehrmeister herunter geklettert. Er hatte es vermutlich im Rücken so wie häufig in diesem Alter. Mit zitternden Bewegung begann sie unrhythmisch vor ihm hin- und herzutanzen: Ein untrügliches Zeichen für eine abgebrochene Cheerleaderausbildung. Ihm schien es dennoch zu gefallen, eine gute Benotung von ihm war ihr wohl sicher. Den mittlerweile zahlreich um uns herum stehenden Zuschauern ihren irritierten Blicken nach zu urteilen wohl eher weniger. Dennoch befürchtete ich, dass die Umherstehen jeden Moment mit rhythmischem Klatschen beginnen würden.

Wobei mir Klatschen und Gejohle wohl wenigstens einen Vorwand gegen würde, möglichst unauffällig von hier zu verschwinden. Denn meinen höchstpersönlichen Sitzplatz auf meiner Parkbank aufzugeben hatte ich mittlerweile als unvermeidbaren Kollateralschaden meiner Fluchtbemühungen einkalkuliert.

Just als die beiden sich erneut ineinander verknoten wollten, hatte der Himmel ein Einsehen und schickte urplötzlich einen kalten Regenschauer auf uns herunter. Um kein Aufsehen zu erregen, ließ ich meinen Schirm hinter die Bank fallen und stand hektisch auf, um am Parkeingang Schutz vor dem Regen zu suchen. Die kalte Dusche würden den beiden jetzt wohl auch gut bekommen.

Mit diesem Beitrag geht mein Blog in die Sommerpause. Auf facebook und Twitter gibt es auch den Sommer über kleine neue Beiträge zu lesen. Hier geht es ab Mitte September weiter!

O mio bambino caro. Oder: Wie redest du denn mit deinem Onkel?

Ich sitze gemächlich in der wärmenden Frühlingssonne auf der altehrwürdigen Brücke Ponte Vecchio mitten im Herzen von Florenz. Also genau genommen kralle ich mich, und zwar fest an die Brückenbrüstung, aus Angst, von einer Busladung chinesischer Touristen in den feuchtnassen Arno gedrückt zu werden. Doch weder heißt mein Vater Gianni Schicchi noch ist das hier eine Puccini-Oper. Und meine Neigung, kopfüber in den gerade erst vom Eise befreiten Flusslauf gedrängt zu werden, ist außerordentlich gering.

Obwohl… Oper… in der Ferne höre ich Opernklänge! Das Bontempi-Akkordeon des rumänischen Straßenmusikanten gibt eine Orgelversion der Puccini-Oper zum Besten während seine Freundin herzzerreißend in unglaublich unpräzisem Italienisch “O mio bambino caro” lächelnd trällert und dabei falsche Tränen vergießt. Ich frage mich, wann sie das Gesungene in die Tat umsetzt und endlich in den Arno springt? Vielleicht sollte ich ihr den Text übersetzen?

Fehlt eigentlich nur noch eine McDonalds-Filiale auf der Brücke und die Imitiation des Essener Hauptbahnhofes im Berufsverkehr wäre atmosphärisch auf den Punkt gelungen. Eine Art Magic Mountain für vermeintlich Kulturbeflissene. Obwohl… für die Eröffnung der neuesten Burgerbrater-Filiale hingen schon die Plakate direkt neben der Brunelleschi-Kuppel des Domes von Florenz als Vorankündigung für eine moderne Version von Dantes Hamburger-Inferno: The clash of cultures ist wohl auch hier unausweichlich. Immerhin ist in der dortigen Fußgängerzone wohl nicht mit einem Drive In zu rechnen.

Wissenstests für Touristen vor der Einreise nach Europa? So alt wie der europäische Tourismus! Nur leider nie umgesetzt. Doch hier dominieren nun eindeutig die Massen, die die Medici für eine Apothekenkette und Machiavelli für eine unständige italienische Sexpraktik halten. Neben den kitschigen Aquarellen des Kolosseums und der Rialtobrücke würden vermutlich auch Abbilder des Eiffelturmes und der Sagrada Familia hier für reißenden Absatz sorgen. Die rundliche Legginsträgerin mit dem “Make America great again”-Schlapphut ist da eine ganz heiße Kandidatin!

Ich muss zur Seite rücken, offenbar störe ich die sorgsam austarierte Harmonie eines Familienselfies. Die Daheimgebliebenen sollen schließlich auch etwas davon haben, dass man “da” gewesen ist. Wo doch schon die Nachtaufnahmen des Stadtpanoramas vom Hügel über der Stadt gestern Abend trotz Blitzlichts nichts geworden sind.

Zugegebenermaßen ist meine Grundstimmung heute Vormittag ein wenig nörgelig. Spätestens seit mich um kurz vor sieben eine spanische Schulklasse auf Osterklassenfahrt mit spontanem Chorgesang vor meinem Apartment weckte und danach die Kaffeemaschine den Dienst versagte, hatte dieser Tag ausgesprochen schlechte Karten. Und selbst das Gezwitscher der Vögel vor meine Fenster war mir zu laut. Dabei waren die noch dezent im Vergleich zu dem Monsterrülpser, den der chinesische Tourist gerade neben mir von sich gegeben hat. Der kam von ganz unten.

Ich muss schon wieder den Platz wechseln. Noch ein Selfie. Die Idee, am frühen Vormittag vor Hereinbrechen des täglichen Touristenansturms etwas unverfälschte Atmosphäre zu tanken, darf als gescheitert betrachtet werden. Für eine ausgedehnte Landflucht nach dahin-wo-die-Touristen-nicht-hingehen ist es jetzt aber auch zu spät. Und so beschließe ich, die Situation für mich zu nutzen, denn warum soll ich hier keine Spaß haben?

Und die Gelegenheit dazu ist günstig: Wenige Meter vor mir haben drei amerikanische Collegeabsolventinnen gerade einen koreanischen Familienvater wortlos ihre japanische Spiegelreflexkamera in die Hand gedrückt und posieren für ein Gruppenfoto. Ich schnappe mir eine leere Johnny-Walker-Flasche aus dem überquellenden Papierkorb neben mir, verwuschle mir die Haare, hechte in Richtung der Collegegirls, stoppe kurz hinter ihnen, grinse debil und winke mit der Whiskyflasche in die Kamera: “Cheese!” Das wird bei der Betrachtung des aufgenommenen Fotos noch reichlich für Diskussionen darüber sorgen, mit welch abartigen Typen die Mädchen in Europa herumgelungert sind!

Zwei weitere gecrashte Selfies später werde ich mutiger und quetschte mich zwischen zwei japanische Mittfünfzigerinnen mit einem weithin hörbaren: “Gondola, Gondola!”, welches mir zwar den verständnislosen Blick eines vorbeilaufenden Italieners aber auch ein verschüchtertes Lächeln der beiden Damen einbringt. Mit vollständigem venezianischen Gondoliereoutfit hätte ich hier vermutlich Einiges an Trinkgeld abgreifen können.

Auf der anderen Seite der Brücke entdecke ich die trumpbemützte Legginsträgerin und ihren Mann von vorhin wieder. Zielsicher pirsche ich mich heran und murmle ihr wissend zu: “Ist das nicht unglaublich, dass das alles hier nur als Kulisse für eine Fernsehserie gebaut wurde?” “What???”, entfuhr es ihr mit entgleißenden Gesichtszügen. “Ja, ´The Medici´. Mit Dustin Hoffman, auf Netflix. Müssen Sie sehen! Das ist episch. Vor den Dreharbeiten waren das alles Wiesen hier. Sogar die Hügel haben sie aufgeschüttet.”

Seinem und ihrem Gesichtsausdruck kann ich ansehen, dass sie die ganze Szenerie jetzt mit ganz anderen Augen sehen. Stolz lächelnd lassen sie ihren Blick über die Hügel rundum gleiten, im sicheren Wissen, dass sie ihren Freunden daheim jetzt wirklich etwas zu erzählen hatten. “Den besten Blick über die ganze Anlage haben Sie übrigens abends von der Piazza Dustin Hoffman da oben!”, sage ich zu ihnen und zeige auf die Piazzale Michelangelo, was mir einen verständnislosen Blick der neben mir stehenden italienischen Familie einbringt. Sie bedanken sich überschwänglich und ich suche schnell das Weite, bevor die mittlerweile schon recht aufgebrachten Italiener neben mir eingreifen können.

Mein nächstes Opfer ist eine junge deutsche Familie am anderen Ende der Brücke. Zielsicher peile ich sie an, lege meine Arme über ihre Schultern und sage laut: “Cheese!”. “Entschuldigen Sie mal!”, ruft die junge Mutter empört während sie mich weg stößt: “Was schleichen Sie sich denn so an uns ran?” “Wie redest du denn mit deinem Onkel?”, erwidere ich mit gespieltem Entsetzen. “Da müssen Sie mich verwechseln!”, sagt sie etwas verschüchtert.

“Ponte Vecchio. Nordseite. Punkt 10 Uhr.”, sage ich bestimmt während ich auf meinem Handy herum wische: “Deine Mutter hat mir sogar ein Foto von dir geschickt, damit ich dich leichter erkennen kann. Vermutlich wollte sie, dass es eine Überraschung wird, wenn wir uns jetzt endlich mal kennenlernen. Ich bin der der Halbbruder deiner Mutter. Aber du kannst Onkel Günter zu mir sagen!” Ich strecke ihr die Hand entgegen, mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldet. “Onkel Günter?”, fragt sie leise und schüttelt vorsichtig meine Hand. “Aus Wuppertal. Und Poggibonsi.”, sage ich zustimmend.

“Sie hat wirklich niemals…” “…niemals etwas von mir erzählt? Ja, wir hatten lange keinen Kontakt und haben uns erst letzten Herbst hier wieder getroffen. Erinnerst du dich, dass sie dir Florenz so dringend als Reiseziel empfohlen hat? Sie wird ihren Grund gehabt haben.”, sagte ich augenzwinkernd. “ “Ja das kann sein.”, meint ihr bislang recht finster dreinblickender Mann etwas freundlicher: “Wir wollten eigentlich wieder nach Jesolo.” “Lasst und doch schnell ein Foto machen und es ihr schicken! Sie wird sich freuen.”, sage ich, gehe um sie herum und lege die Arme um ihre Schultern. Wir lächeln brav in die Kamera, ich schelmisch, die beiden noch etwas gequält. “Die Überraschung ist dir gelungen! Grüße aus Florenz von uns und Onkel Günter!”, tippt sie unter das Bild und schickt es schnell weg.

Zeit mich aus dem Staub zu machen: “Ich habe jetzt leider noch einen Termin. Aber vielleicht können wir uns abends wieder hier treffen, so gegen acht?” “Acht Uhr, gerne.”, antwortet sie lächelnd, während ihr Telefon anfängt, hektisch zu klingeln. Ich kann mir denken, wer da anruft und verschwinde winkend in der Menge. In sicherer Entfernung bleibe ich stehen, um kurz durchzuatmen. Gleich nachher würde ich meine Kaffeemaschine reparieren und mir Ohrenstöpsel gegen die aufdringlichen morgendlichen Chorsänger vor meinem Haus zulegen!

Foto: R. Richter

Absolut abhängig

Es ist mir tatsächlich gelungen! Nach einigem Herumgedrücke, einem abgebrochenen Schraubenzieher und diversen laut ausgestoßenen Flüchen konnte ich endlich auf meinem betagten Nokia-Handy meine Emails abrufen. Ohne Anhang und nur mit Lupe versteht sich. Einer echten Lupe, keiner Bildschirmlupe.

Denn seit mich Ende letzter Woche mein Smartphone überraschend und viel zu früh verlassen hat, darbe ich nach einer Nachricht, wann das Ersatzgerät wohl geliefert werden wird. Nicht, dass mir die 16-stellige Paketnummer etwas nützen würde. Das Nokia kann schließlich den ebenfalls beigefügten Tracking-Link nicht öffnen.

Es geschah tückischerweise an einem Samstag, kurz nach Ladenschluss, als die digitale Zentrale meines weltlichen Lebens unversehens aus meiner Jackentasche fiel, die nunmehr nicht mehr schützende Schutzhülle sich wie zum Hohn im Fall öffnete und das Smartphone gleich einem Marmeladenbrot 2.0 mit der falschen, nämlich verletzlichen, Seite laut klirrend auf den Steinboden vor dem gerade schließenden Einkaufszentrum fiel.

Noch immer habe das Gefühl, diese schrecklichen Momente nur in Zeitlupe erlebt zu haben, mein panischer Schrei in einer viel zu unmaskulinen Tonart inklusive. In Zeitlupe erfolgte wohl auch meine rettende Handbewegung: Sie kam schlicht zu spät.

Der Ausfall des Herzschrittmachers meiner Hirnwindungen traf mich hart: Den Weg nach Haus fand ich immerhin noch ohne Navigation. Mich an die Telefonnummern meiner Freunde und die mit ihnen vereinbarten Termine zu erinnern, war dagegen schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Endgültig auf kaltem Digital-Detox-Entzug war ich dann zu Hause: CDs hatte ich schon vor Jahren aussortiert, Bücher auf Papier auch. Das Kabelfernsehen war gekündigt, weil sich das ja viel leichter vom – der geneigte Leser ahnt es – Smartphone auf den Fernseher streamen lässt. Ich hatte Hunger, wollte ein Rezept auf Chefkoch.de googeln oder zumindest den Lieferdienst beauftragen und konnte es nicht, weil das Festnetztelefon schon lange nur noch Dekoration war.

Kaltschweißig und mit klopfendem Puls ging ich nach draußen, rüber zu dem Laden, wo wohl mein Stammpizzalieferservice ansässig sein müsste, der zu meinem größten Erstaunen auch vor Ort Speisen und Getränke verkaufte. Gleich daneben hatte in einem muffigen Verschlag ein Internetcafé die Zeit seit der Jahrtausendwende überwintert, ein Relikt aus grauer Urzeit, quasi die Telefonzelle der digital natives.

Während ich mich gedanklich schon darauf vorbereitet hatte, dort mit Netscape ein neues Smartphone bestellen zu müssen, war die Realität dann doch überraschend modern. Doch was heißt das schon, wenn man gleich einem Neunichtraucher gierig nach jeder Wolke Passivrauchs giert, aus purer Freude, unverhofft wieder online sein zu können.
Zeit für eine gründliche Auswahl gab ich mir nicht. Könnte ich in der Zeit reisen, würde ich schnell die Regionalbahn nach heute morgen nehmen. Oder alternativ nochmal das gleiche Smartphone bestellen. Das würde jedoch dauern. Denn unbegreiflicherweise bestehen die Mitarbeitenden von Onlineshops auch in schweren Notfällen wie meinem auf arbeitsfreien Sonntagen für Familie, Freizeit und was auch immer. Fällt das nicht schon unter unterlassene Hilfeleistung?

Es hieß also warten. Bis Dienstag. Am Sonntag waren um 8:24 Uhr sämtliche Spinnen in meiner Wohnung nach draußen umgesiedelt und ihre Hinterlassenschaften entfernt. Um kurz nach 9 hatte ich die seit Wochen um Aufmerksamkeit winselnde Espressomaschine komplett entkalkt und gereinigt. Erstaunlicherweise besaß ich immer noch ein Bügeleisen, mit dem ich bis 09:54 Uhr meine sämtlichen Oberhemden geplättet oder ob mangelnder Übung mit kunstvollen abstrakten Faltenmustern versehen hatte. Um 09:58 Uhr habe ich dann noch schnell die Scharniere der seit 1997 quietschenden Badezimmertür geölt.

Und danach starrte ich dann nur noch. An die Decke. Aus dem Fenster. Zur Tür. Ich starrte. Ich bereitete mir ein frühes Mittagessen um 11:46 Uhr und erwog kurz, dieses mit meiner beim vorangegangenen Aufräumen wieder zum Vorschein gekommenen Sofortbildkamera zu fotografieren und das Foto als Postkarte an meine Freunde zu verschicken. Ein Verdauungsspaziergang nach dem Essen erschien mir wenig sinnvoll, weil ich ja nicht in der Lage sein würde, meine Schritte und die damit verbrauchten Kalorien digital zu erfassen.

Den Rest des Sonntages dämmerte ich irgendwie vor mich hin. Am Montag erwachte ich früh – kein Facebook-Pling hatte meinen Schlaf gestört. Und doch trieb mich ab spätestens 09:58 Uhr die Ungewissheit um, ob mein neues Handy denn nun schon verschickt worden wäre. Mit meinem alten Nokiaknochen müsste ich doch auch irgendwie meine Emails abrufen können?

Beim ersten Versuch, meine SIM-Karte in das Altgerät einzulegen, rutsche ich mit dem Schraubenzieher aus, der sich dann knapp neben dem Handy in die Tischplatte bohrte und dabei zerbrach. Ein notwendiger Kollateralschaden vermutlich. Doch beim zweiten Versuche gelang es und das Handy begrüßte mich mit dem schon lange nicht mehr gehörten Nokia-Klingelton im Zwölftonsound.
Nur wenig später, es muss so gegen 16 Uhr gewesen sein, war es mit endlich gelungen, die Internet- und Email-Zugangsdaten in das alte Nokia einzutippen. Eine verschlüsselte Verbindung hielt man anno 2003 offenbar für entbehrlich. Aber ich war verzweifelt und würde nötigenfalls auch Zuhörer und Mitschreiber akzeptieren müssen. Wobei zu zuhören und mitschreiben vermutlich wesentlich einfacher ist, wenn die Emails quälend langsam Buchstabe für Buchstabe übertragen werden.

Gegen 18 Uhr hatte ich mich durch die 448 seit Samstagabend eingetroffenen Emails gearbeitet und in Email Nummer 447 tatsächlich die Versandbestätigung meines neuen Smartphones gefunden. Beruhigt und erschöpft stellte ich mir den Wecker, ging früh schlafen und machte doch kein Auge zu.

Am Dienstagmorgen irritierte ich reihenweise Nachbarn und Putzdienst, indem ich beim kleinsten Geräusch im Hausflur noch schwitzig, mit Augenringen und wirrem Haar die Wohnungstür aufriss, um ja nicht den Postboten zu verpassen. Die garantierte 8:30-Uhr-Lieferung kam schließlich um 9:12 Uhr an, erlöste mich von meine Qualen und brachte mein Leben zurück in geordnete Bahnen.

Ich hatte 682 ungelesenen Nachrichten.

Viva la Mamma!

Hat der Ober mich gerade angezzzt??? Nicht allein, dass der Name “La Mama” schnöder Etikettenschwindel ist, denn hier schwingt Opa (und nur Opa!) das Zepter. Aber diese hektische Version von Louis de Funés sorgt hier in der ansonsten pittoresken Altstadt von Nizza weder bei den Gästen noch beim Personal für freundliche Gesichter.

Die Gnocchi sind trotz ihrer falschen Schreibweise erstaunlich lecker. Das scheint Opa auch zu meinen, denn mit einem beherzten “Gnocchi great, yes?” nimmt er mir gleichermaßen schwungvoll wie ungehobelt den nur halb aufgegessenen Teller unter der Nase weg. Ein polyglotter Poet ist er ganz sicher nicht. Und es kommt ja noch eine Hauptspeise, des Hungers wegen. Und ich habe ja noch das Brotkörbchen und den Pfeffer zur Überbrückung..

Nein, das Brotkörbchen habe ich jetzt auch nicht mehr. Etwas verwundert bin ich aber doch, dass er sein Brot nicht beim Abräumen gelobt hat. Man will doch etwas Konversation zwischen Vor- und Hauptspeise! Die kaugummikauende Kellnerin im ausgebeulten Pullunder huscht wortlos mit hilflosem Achselzucken an mir vorbei, die Augen Richtung Himmel gerichtet. Ich wollte zwar rustikale Atmosphäre, hatte mir dies aber irgendwie gänzlich anders vorgestellt.

Die Hauptspeise kommt. Also das Essen und der Teller kommen. Das Besteck vorerst nicht. Es kommt vermutlich gleich. So aufmerksam sollte der Service doch sein. Oder doch nicht? Es dauert dann doch schon etwas lange und meine Miesmuscheln dampfen mit jedem Augenblick des Wartens ein wenig weniger.

Ich raffe mein Schulfranzösisch zusammen: “Sche wuhräh…” “Yes, yes, very good!”, kontert mir Opa noch vor Ende meines Satzes. Auf Besteck darf ich wohl nicht hoffen. Gut, die Muscheln kann ich auch so essen und für die Sauce bleibt mir ja noch das Brotkörbchen. Ach nein, das habe ich ja nicht mehr. Die Pullunderträgerin schlurft vorbei und stellt im Vorbeigehen meinen Pfefferstreuer auf den Nebentisch. Ich kapituliere und esse die Miesmuscheln hastig mit den Fingern, immer in der Erwartung, dass mir in jedem Moment der halbvolle Teller weggenommen würde.

Was seltsamerweise nicht passiert. Denn plötzlich herrscht Stille. Nicht so sehr rustikale Stille sondern eher Totenstille. Sogar das Dudelradio ist aus. Das ist immerhin eine Offenbarung nach der Hektik der ersten beiden Gänge. Ich blicke vorsichtig hinter mich: Es ist schon späterer Mittag und Opa muss wohl dringend sein Mittagsschläfchen halten. Und sämtliches Personal hat dies zum Anlass genommen, eine ausgiebige Rauchpause vor dem Etablissement einzulegen. Andere Gäste sind auch nicht mehr da. Ich bin allein.

Beherzt geht ich zum Tresen, nehme mir das mir zustehende Besteck, einen Pfefferstreuer und ein Brotkörbchen – ach was… zwei Brotkörbchen – und beende in aller Ruhe meine Mahlzeit. Auch nach mehr als einer halben Stunde lässt sich kein Kellner mehr blicken. Ich gehe zurück zum Tresen, nehme die Karte, rechne die einzelnen Beträge zusammen, lege die Summe centgenau auf den Tisch und verlasse “Mama”. Ich werde nicht wiederkommen.

Restaurant Pizzeria “La Mama”. Altstadt von Nizza. Nicht zu empfehlen.
Satire lebt von Zuspitzungen und Übertreibungen. Nicht alle Details sollten daher für bare Münze genommen werden.

“Über die parkartigen Anlagen blicken Sie hinunter bis zum Ufer des Sees”

Der Amateurhoteltester – Folge 1 – Hodson Bay Resort (Irland)

Der Fußabtreter war dreckig. Das war mein erster Eindruck schon vor Betreten des Hotels. Dreckig und abgelatscht. Kein gutes Omen. Schon von außen hatte das “Hodson Bay” auf mich wie eine eigenartige Melange aus ibis-Betonklotz und Rüschengardinen gewirkt.

Drinnen wurde es nicht wirklich besser: Die Lobby im barocken IKEA-Neo-Renaissance-Stil war gefüllt mit emeritierten Barbies gereiften Alters, deren rüschige Designerfetzen gerne etwas mehr als nur die Oberschenkel hätten bedecken dürfen und die mit ihren englischen Hutkreationen wohl ihre Kleinmädchenfantasien vom royalen Pferderennen in Ascot mit Leben erfüllen wollten.

„“Über die parkartigen Anlagen blicken Sie hinunter bis zum Ufer des Sees”“ weiterlesen